Zum The­ma ÖPNV (Öffent­li­cher Per­so­nen­nah­ver­kehr) oder ein­fa­cher: zum Bus – hat jede und jeder eine Mei­nung. Vie­le fin­den die Idee des „kos­ten­lo­sen“ Bus­fah­rens zwar ganz attrak­tiv, haben aber auch so ihre Beden­ken – berech­tig­ter­wei­se. Lässt sich sowas seri­ös finan­zie­ren? Was bringt das über­haupt? Kriegt man damit wirk­lich CO2 Ver­ur­sa­cher (Auto­fah­rer) zum Umstei­gen oder fängt man mit dem Ange­bot aus­schließ­lich umwelt­freund­li­che Rad­fah­rer und Fuß­gän­ger, die mit dem Umstieg auf den Bus öko­lo­gisch eher einen Schritt zurück­ge­hen wür­den? Kann man mit dem Geld nicht noch etwas sinn­vol­le­res tun, z.B. das letz­te Kin­der­gar­ten­jahr bei­trags­frei gestal­ten? Oder wie die Spieß­ge­sel­len in der heu­ti­gen Aus­ga­be der Schwä­bi­schen Zei­tung mei­nen: Preis passt, dafür eine bes­se­re Tak­tung und mög­lichst kei­ne Zeit­ver­lus­te gegen­über dem Auto?

30.05.15, Schwä­bi­sche Zei­tung

Has­selt, Lem­go, Auba­gne, Graz, Lon­don, Wien, Tübin­gen, Ber­lin – Fried­richs­ha­fen?

Über­all haben Kom­mu­nen die glei­chen Pro­ble­me: Zuvie­le Autos in den Innen­städ­ten, Staus, zu hohe CO2 und Fein­staub­be­las­tun­gen, gerin­ge Lebens- und Auf­ent­halts­qua­lit­tät im Innen­stadt­be­reich, Park­platz­pro­ble­me und vie­les mehr. Und an vie­len Orten wird oder wur­de nach Lösun­gen gesucht, man­che haben sie schon für sich gefun­den. In Auba­gne (Frank­reich) über­neh­men die Arbeit­ge­ber zu 100% die Fahr­kos­ten des ÖPNV für ihre Mit­ar­bei­ter. Has­selt (Bel­gi­en) hat­te den Bus­ver­kehr zum Null­ta­rif, konn­te dem Ansturm und den dar­aus resul­tie­ren­den Kos­ten nicht stand­hal­ten und beför­dert seit dem aber den­noch deut­lich güns­ti­ger als vor der Kos­ten­be­frei­ung. In Wien bezahlt man für ein Jah­res­ti­cket für den gesam­ten „Öffi“ 365 €, was also einem Euro pro Tag ent­spricht. In Lon­don wur­de die City-Maut ein­ge­führt. In Lem­go (West­fa­len) wur­den die Fahr­prei­se deut­lich redu­ziert und offen­siv für den ÖPNV gewor­ben. In Graz wird immer dann auf das kos­ten­lo­se Bus­fah­ren umge­stellt, wenn die Fein­staub­be­las­tung zu hoch wird. In Tübin­gen will OB Pal­mer noch vor der Som­mer­pau­se eine Ent­schei­dung für einen ticket­lo­sen ÖPNV und in Ber­lin denkt man über das Bür­ger­ti­cket nach. Wir sind also nicht allein und Fried­richs­ha­fen befin­det sich mit dem Über­den­ken von Moto­ri­sier­tem Indi­vi­du­al­ver­kehr (MIV) und ÖPNV durch­aus in guter Gesell­schaft.

Ver­kehrs­mi­nis­ter Her­mann hat – ent­spre­chend den Ver­ein­ba­run­gen im Koali­ti­ons­ver­trag – eine Unter­su­chung zur Dritt­nut­zer­fi­nan­zie­rung (Finan­zie­rung durch Auto­fah­rer wie in Lon­don, durch Arbeit­ge­ber wie in Auba­gne oder durch Steu­ern wie in Wien) in Auf­trag gege­ben. Lei­der wird 2016 wohl erst gewählt wer­den bevor sich in Sachen Dritt­nut­zer­fi­nan­zie­rung irgend­et­was tut.

Euro­pean Ener­gy Award (eea) 2012 in Gold, eine Bür­ger­bro­schü­re und Hand­lungs­zie­le bis 2020

Aus­zug aus dem Vor­wort des Ober­bür­ger­meis­ters

Schon seit lan­gem (seit 1992 Mit­glied im Kli­ma-Bünd­nis der euro­päi­schen Städ­te, seit 2012 mit dem eea aus­ge­zeich­net) beschäf­ti­gen sich Stadt­ver­wal­tung und Gemein­de­rat mit Fra­gen der Nach­hal­tig­keit – ein wich­ti­ger Bereich in die­sem Zusam­men­hang ist die Mobi­li­tät. „Jetzt für die Zukunft“ – so das Mot­to von 2012, als die Stadt als eine von fünf Kom­mu­nen in Baden-Würt­tem­berg mit dem Euro­pean Ener­gy Award in gold aus­ge­zeich­net wur­de. Seit­dem wur­de eini­ges aus den sechs Kate­go­rien Ent­wick­lungs­pla­nung & Raum­ord­nung, Kom­mu­na­le Gebäu­de & Anla­gen, Ver­sor­gung & Ent­sor­gung, Mobi­li­tät, Inter­ne Orga­ni­sa­ti­on und Kom­mu­ni­ka­ti­on & Koope­ra­ti­on tat­säch­lich auch in die Tat umge­setzt oder zumin­dest wei­ter­ver­folgt. Als der Ziel­er­rei­chungs­grad 2012 vom eea aus­ge­wer­tet wur­de, kam es zu einer sehr posi­ti­ven Bilanz in nahe­zu allen Hand­lungs­fel­dern (sie­he Bild).

Aber wie sieht es heu­te aus?

Das Anfor­de­rungs­pro­fil des eea wird ste­tig ange­ho­ben, ein Ste­hen­blei­ben wird nicht hor­n­o­riert.

Zurück zum The­ma Mobi­li­tät: Wel­che Zie­le hat­te Fried­richs­ha­fen sich damals für das Jahr 2020 im Bereich Mobi­li­tät gesetzt?

Unter Punkt 4 – Mobi­li­tät steht in der Bro­schü­re unter ande­rem zu lesen:

Die Stadt Fried­richs­ha­fen wird für das Stadt­ge­biet ein Ver­kehrs­ent­wick­lungs­kon­zept erar­bei­ten, um den Umwelt­ver­bund aus­zu­bau­en und den moto­ri­sier­ten Indi­vi­du­al­ver­kehr zu redu­zie­ren. Das Kon­zept beinhhal­tet unter ande­rem den Aus­bau des öffent­li­chen Ver­kehrs­ver­bunds – mit beson­de­rem Augen­merk auf Lini­en­füh­rung, Takt­ver­dich­tung, Tages­rand­zeit­ab­de­ckung und Ver­knüp­fung von Bahn, Bus, Flug­zeug und Schiff – sowie die Aus­schöp­fung der Poten­tia­le des Rad­ver­kehrs. Sowohl in der Stadt­ver­wal­tung selbst als auch in Zusam­men­ar­beit mit allen grö­ße­ren Betrie­ben wird es ver­stärkt Ange­bo­te geben wie Job­ti­ckets für den ÖPNV sowie För­der­maß­nah­men für den Rad- und Fuß­ver­kehr von und zur Arbeit durch den Arbeit­ge­ber.

Was bringt der ticket­lo­se ÖPNV?

Erst mal natür­lich ein höhe­res Fahr­gast­auf­kom­men. Kür­ze­re Auf­ent­halts­zei­ten an den Hal­te­stel­len (kein Fahr­kar­ten­ver­kauf mehr), bes­se­re Fahr­plan­ein­hal­tung. Weg­fall von Kon­trol­len – uner­laub­tes Fah­ren ohne gül­ti­gen Fahr­schein gibt es nicht mehr. Stel­len­schaf­fun­gen bei Bus­fah­rern. Kei­ne ste­hen­ge­las­se­nen Schul­kin­der mehr, die ihre Bus­fahr­kar­te ver­ges­sen / ver­lo­ren haben. Im bes­ten Fall: Weni­ger Staus, weni­ger Lärm und Redu­zie­ru­ung von CO2 Aus­stoß und Fein­staub.

Wie kann es gelin­gen?

Der Wil­le muss da sein. Es muss klar sein, dass sich die Zie­le der TWF in Bezug auf die Ren­ta­bi­li­tät bei der Bewirt­schaf­tung der Park­häu­ser und beim Betrieb des ÖPNV ver­än­dern müs­sen. So lan­ge hier erwar­tet wird, dass z.B. die Park­häu­ser bei kun­den­freund­li­chen Prei­sen kos­ten­de­ckend lau­fen sol­len, kann die Ver­min­de­rung des moto­ri­sier­ten Indi­vi­du­al­ver­kehrs in der Innen­stadt kein ech­tes Ziel der TWF sein.

Betei­li­gungs­be­richt der Stadt Fried­richs­ha­fen 2013, S. 132

Da die TWF aber auch Betrei­ber des ÖPNV sind und auch hier ein mög­lichst hoher Deckungs­grad erzielt wer­den soll, ist der­zeit kaum zu erwar­ten, dass der ÖPNV von die­ser Sei­te eine außer­or­dent­li­che För­de­rung erhält. Hier sind die Poli­tik und die Bür­ger­schaft gefragt : Was wol­len wir? Wel­che Zie­le ver­fol­gen wir lang­fris­tig? Wie wol­len wir Leben? Was ver­ste­hen wir unter Nach­hal­tig­keit?

Die Rad­ver­kehrs­we­ge und Rad­ab­stell­plät­ze müs­sen wei­ter aus­ge­baut und damit attrak­ti­ver wer­den. Der MIV muss deut­lich mehr an den durch ihn ent­ste­hen­den Kos­ten z.B. bei der Park­raum­be­reit­stel­lung und ‑bewirt­schaf­tung betei­ligt wer­den. Das Auto darf nur noch Platz 4 auf der Attrak­ti­vi­täts­ska­la der Mobi­li­tät bele­gen.

Was ist zu tun?

Set­zen wir uns ein! Für Ener­gie und Kli­ma­schutz. Für eine nach­hal­ti­ge Mobi­li­tät. Für eine gute Öko­bi­lanz. Für eine hohe Lebens­qua­li­tät in Fried­richs­ha­fen. Für eine Inves­ti­ti­on in die Zukunft.

Quel­len:

Betei­li­gungs­be­richt der Stadt Fried­richs­ha­fen 2013

eea Bericht 2012 der Stadt Fried­richs­ha­fen

Bro­schü­re Ener­gie und Kli­ma­schutz